Ein Jahr Aufmerksamkeit
Exekutive Funktionen stärken
Worum es geht
Aufmerksamkeitsstörungen zählen zu den am häufigsten diagnostizierten psychischen Störungen der Kindheit. In den vergangenen Jahren beobachten wir eine zunehmende Häufung von Aufmerksamkeitsdefiziten in unseren therapeutischen Angeboten, was auch mit gesellschaftlichen Trends zusammen zu hängen scheint. Unter anderem allgemeiner Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, steigender Medienkonsum und eine zunehmende Verinselung werden als Faktoren für abnehmende selbstregulatorische Fähigkeiten diskutiert. Die klassische Einzeltherapie erweist sich in Bezug auf Aufmerksamkeit und Selbstregulation oft als hilfreich, reicht aber unserer Erfahrung nach nicht immer aus. Besonders der Transfer therapeutischer Fortschritte in den schulischen Alltag gelingt häufig nicht ausreichend.
Viele Inhalte zur Stärkung der Aufmerksamkeit sind bereits Bestandteil unserer laufenden Therapien. Diese sollen nun gezielt gebündelt und in ein strukturiertes Programm integriert werden. Unser Angebot kombiniert verschiedene evaluierte Interventionen und geht über klassische Trainingsansätze hinaus, indem es sowohl evidenzbasierte psychotherapeutische Techniken, evaluierte Trainingsprogramme, als auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse einbindet und diese in Einzel- und Gruppensettings mit intensiver Beratung des Umfeldes verbindet. Ziel ist es, die Inhalte individuell auf die Bedürfnisse jedes Klienten und dessen Familie abzustimmen und somit eine nachhaltige Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung zu erzielen. Zudem bietet das Programm praxisnahe Strategien, um die therapeutischen Fortschritte langfristig in den Alltag, insbesondere in schulische und familiäre Strukturen sowie in den Freizeitbereich zu übertragen.
Alle Module des Programmes im Überblick
Eingangsuntersuchung
Um eine passende Beratung und Behandlung durchführen zu können, braucht es zu Beginn eine gründliche Diagnostik. Gerade bei Aufmerksamkeitsproblemen sind die Ursachen sehr unterschiedlich, was eine gute Differentialdiagnostik erfordert. Eine Kombination aus klinischer Beobachtung und testpsychologischer Diagnostik ist erforderlich. Alle Bausteine der Eingangsuntersuchung können modularisiert erfolgen, falls entsprechende Erhebungen bereits vorliegen.
Psychologische Aufklärung
Ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung ist die Psychoedukation. Dabei geht es um die Aufklärung und Wissensvermittlung über psychische Prozesse und Gesundheit. Dies stärkt die Akzeptanz, fördert eine realistische Erwartungshaltung und erleichtert die Umsetzung von Strategien im Alltag. Psychoedukation sollte zu Beginn der Behandlung erfolgen und im Verlauf mehrfach aufgefrischt werden. Das Modul ist in eine Einzeltherapie integriert und ist dann obligatorisch, wenn keine Einzelbehandlung stattfindet.
Therapie und Förderung im Einzelsetting
Kern einer jeden psychotherapeutischen Arbeit ist die therapeutische Beziehung. Diese wird durch unsere Haltung als Mitlernende auf Augenhöhe gestärkt. Wir orientieren uns an den Wirkprinzipien der Psychotherapie und fokussieren Ressourcenorientierung und erfolgreiche Selbstwirksamkeitsprozesse.
Durch den zusätzlichen Einsatz bewährter Manuale werden gezielt Impulskontrolle, Aufmerksamkeit, Selbstregulation und das Selbstmanagement (Selbstbeobachtung, -evaluation und -verstärkung) gefördert. Diese Techniken sind besonders wichtig für Kinder mit ADHS, da sie Schwierigkeiten in diesen Bereichen haben. Sie bilden jedoch auch neben der Aktivierung eines aktiven und ausgeglichenen Lebensstils und kognitiven Umstrukturierung negativer Denkweisen auch bei Depressionen und Lernstörungen wichtige Behandlungsbausteine. Darüber hinaus liefern die Neurowissenschaften wertvolle Erkenntnisse zur Behandlung von Aufmerksamkeit.
Elternberatung im Einzelsetting
Eltern spielen die zentrale Rolle bei der Unterstützung ihrer Kinder. Im Einzelsetting werden sie dabei begleitet, eine förderliche Tagesstruktur zu schaffen, Konflikte zu minimieren und Lernprozesse zu unterstützen. Themen in der Elternberatung sind:
- Beziehung stärken, liebevoll und bedürfnisorientiert mit dem Kind umgehen
- Tagesstruktur und Familienrituale
- Ressourcen erkennen, aktivieren und aufbauen
- Regeln und wirkungsvolles Auffordern sowie im fortschreitenden Alter das Aushandeln von Regeln unter Berücksichtigung der wachsenden Autonomie
- Hausaufgabensituation und Lernen
Elterngruppe
In den vier begleitenden Elternabenden werden folgende Themen besprochen:
- Elternabend 1: Psychoedukation und neuste wissenschaftliche Erkenntnisse, Austausch der Eltern zu ADHS und anderen psychischen oder Verhaltensproblemen.
- Elternabend 2: Die großen Herausforderungen – Medien, Bewegung, Ernährung. Elterlicher Möglichkeiten des Einwirkens mittels verhaltenstherapeutischer Methoden.
- Elternabend 3: Emotionsregulation, Bindung und Erziehungsstile. Übungen zu Validierung, Grenzsetzung, Förderung der Bindung und Beziehung sowie Grundlagen der Emotionsregulation.
- Elternabend 4: Schule und Lernsituation, Austausch zur Zusammenarbeit mit der Schule und zur Gestaltung der Lernumgebung zu Hause, Motivierung.
Schulische Interventionen und Beratungen von Lehrpersonen
Der schulische Alltag stellt für viele Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen eine Herausforderung dar. Durch Schulbeobachtungen, Lehrerfortbildungen und den Einbezug von Förderplänen wird die Transferleistung der Therapie in das schulische Umfeld sichergestellt. Die Inhalte sind:
- Schulbeobachtung und anschließende Psychoedukation und Beratung der Lehrpersonen im Umgang mit expansivem Verhalten
- Stärkung der Beziehung durch Aufbau von Verständnis und positiven Interaktionen, Arbeitsplatzgestaltung, Regeln, Arbeitsroutinen und wirkungsvolles Auffordern, Einsatz von Verstärkerplänen
- Transfer des Aufmerksamkeitstrainings in den schulischen Alltag und Beratung zur Förderplangestaltung und Umsetzung des Förderplans
Gruppentraining
In kleinen Gruppen (maximal 3 bis 4 Kinder je Therapeut:in) werden gezielt Konzentration, Impulskontrolle, soziale Kompetenzen und Konfliktlösungsstrategien trainiert. Die Methoden variieren je nach Funktionsniveau der Teilnehmenden, um ein bestmögliches Lernen zu gewährleisten. Folgende Schwerpunkte können je nach Gruppenzusammensetzung zentral behandelt werden:
- Konzentration und Impulskontrolle
- Exekutive Funktionen in Bewegung
- Soziales Kompetenztraining
- Aggressiv-impulsives Verhalten
Neurofeedback
Auch die Behandlung mit Neurofeedback ist Teil unseres Aufmerksamkeitsprogramms. Diese wissenschaftlich fundierte Methode ergänzt die therapeutischen Inhalte durch ein gezieltes Training der Selbstregulation und Konzentrationsfähigkeit.
Eine ausführliche Beschreibung des Neurofeedback-Moduls finden Sie unter diesem Abschnitt.
Neurofeedback im Rahmen von Einzeltherapie
Diese Methode nutzt direkte Rückmeldungen zur Gehirnaktivität, um die Selbstregulation und Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Sie ergänzt das Training durch einen neurobiologisch fundierten Ansatz und kann insbesondere bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefiziten hilfreich sein. Dabei wird die elektrische Aktivität des Gehirns erfasst und den Kindern in Form von visuellen oder auditiven Signalen zurückgemeldet. Ziel ist es, dem Gehirn beizubringen, sich in eine gewünschte Aktivität oder ein gewünschtes Muster zu bewegen, um bestimmte kognitive, emotionale oder physiologische Zustände zu fördern. Neurofeedback wird oft bei der Behandlung von Störungen wie ADHS, Angststörungen, Schlafstörungen, Migräne oder auch bei der Erhöhung der allgemeinen Leistungsfähigkeit verwendet. Die Idee dahinter ist, dass das Gehirn seine Aktivität durch das Feedback selbst regulieren kann und so zu einer besseren Balance findet.
Wir bieten Neurofeedback auch im Rahmen von einer Einzeltherapie an, wenn sie nicht mit dem oben ausgeführten Programm begonnen wurde.